Durch den Wald am Zügel

Ohne meine Eltern wäre dieses Pferd höchstwahrscheinlich stehen geblieben und an Ort und Stelle vor Lustlosigkeit eingegangen. Peers Erfahrung beschränkte sich auf eine Schwester und eine Exfreundin, die begeisterte Reiterinnen waren. Ansonsten war da nicht viel. Und nun saßen wir fern der Heimat auf den Tieren, die einst halb Asien erobert hatten und waren ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Was sie selbstverständlich ausnutzten.

Sobald wir den Jungen knappe zehn Meter hinter uns gelassen hatten, erfreuten sich unsere Reittiere an einem leichten Trab. Ich war arrogant genug gewesen meine Spiegelreflexkamera mitzunehmen, die ich nun mit einer Hand halten musste, damit sie mir nicht beim herumbaumeln die Nase brach. Gerade als ich mich soweit arrangiert hatte, den Zügel wieder gefunden hatte und meinte, jetzt bring ich mal Ordnung ins System, hatte Fury entdeckt, dass er machen konnte, was er wollte. Antiautoritäte Erziehung funktioniert nicht.

Das ist meine Lehre aus dieser halben Stunde, denn den Nachfahren eines mongolischen Streitrosses mit „brrr” vom gestreckten Galopp abzuhalten ist ungefähr so effektiv wie einen Crackjunky mit bittebitte zu Kräutertee zu überreden. Während ich versuchte auf diesem wild gewordenen Raubtier sitzen zu bleiben wie mit den Kindern im Disneyland Paris Pauschalreisen , raste die gefrorene Steppe unter uns dahin. Hin und wieder waren Steine zu sehen, manche kopfgroß. Mit scharfen Kanten. Auch Baumstämme fielen mir auf, mit sonderbar spitzen Ästen, die hervor ragten.

Ich ging im Kopf die Möglichkeiten durch hier und jetzt mit einem offenen Beinbruch oder schlimmerem umzugehen, während ich versuchte meine Kamera nicht zu verlieren. Als wir beinahe wieder am Hof angelangt waren, hatte ich eine Vision. Ich sah meinen Gaul mit Anlauf über den Zaun springen und mich im hohen Bogen davon katapultieren. Einem Reflex folgend, der mich davon überzeugte, dass ich in einem früheren Leben mal Mongole gewesen sein muss, riss ich am Zügel bis ich den Kopf des Pferdes fast neben meinem hatte.

Gerade als ich anfangen wollte meinem Kollegen ins Ohr zu flüstern, dass ich ihn zu Schaschlik verarbeiten würde, wenn er mich abwerfen sollte, hielt das Biest an. Ich hatte die Bremse gefunden! Juchei! Ich stieß ein „na, geht doch” hervor, atmete meinen Puls unter die 300er Marke und sah mich nach Peer um.

Knapp 50 Meter hinter mir saß auch er noch im Sattel. Etwas grün um die Nase, aber immerhin im Sattel. Ich verstaute meine Kamera unter der Jacke, ritt zu ihm und holte mir den Tip des Tages ab. „Man darf die Zügel nicht locker lassen. Immer schön straff halten, dann wissen sie, wer der Herr im Hause ist, ansonsten machen die was sie wollen”. Wenn ich nicht genau gewusst hätte, dass er ebenso elegant wie ich gleich neben mir daher galoppiert war, ich hätte fast meinen können, dass er es die ganze Zeit unter Kontrolle gehabt hatte.

Nachdem wir uns etwas beruhigt hatten und über die erste Schrecksekunde lachen konnten, fing der Spaß an. Wir ritten hier hin und dort hin, an die Kante des Canyons (die Zügel noch eine Spur fester als vorher, man weiß ja nie), und testeten sogar einen leichten Trab aus.